Arnold Mendelssohn (1855-1933)

By | 19. April 2018

Arnold Mendelssohn

Im Karfreitagsgottesdienst der Kreuzkirche erklang in diesem Jahr die Motette „Ach, was hast du verwirket“ von Arnold Mendelssohn. Es ist ein anspruchsvolleres Chorstück in vier bis sieben Stimmen, dass kongenial an dem zugrunde liegenden Text aus den „Meditationes“ des Kirchenvaters Augustinus (354-430) entlang geschrieben ist. Aber an dieser Stelle soll es eher um den Kontext gehen, auf dem im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert liturgische Musik entsteht. Denn: Das 19. Jahrhundert ist – auch – das Zeitalter der philosophischen Religionskritik. Was Immanuel Kant mit der Widerlegung der rationalen Gottesbeweise begonnen hat, weitet sich in den folgenden Generationen zu einem neuen, säkularen Weltbild aus.

Die Musik bildet hier keine Ausnahme. Wo Johann Sebastian Bach seine Kantaten und Oratorien noch als Teil seines Amtes geschrieben hatte, lösen sich die großen Äste des musikalischen Schaffens im Grunde noch zu seinen Lebzeiten von der Institution Kirche. Bereits Mozart schuf für den Salzburger Kirchendienst auf Anweisung des Erzbischofs Coloredo lediglich Kurzmessen. Die große c-moll-Messe, KV 427, entstand komplett außerhalb jeglichen kirchlichen Umfeldes. Dasselbe gilt für Beethovens op. 123, die Missa Solemnis.

Im katholisch-kirchlichen Umfeld etabliert sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Form der „Deutschen Singmesse“. Darunter sind kleinformatige, leicht ausführbare und kurze Gebrauchsmusiken für die Liturgie zu verstehen, die einen krassen Gegensatz bilden zu den monumentalen Leistungen, die parallel im Bereich der Oper oder Symphonik erbracht wurden.

Auch die evangelische Kirchenmusik löst sich im 19. und 20. Jahrhundert von der Liturgie. Die Oratorienproduktion wird vom Bürgertum getragen. Der „Paulus“ von Felix Mendelssohn Bartholdy bspw. wurde vom Frankfurter Cäcilienverein in Auftrag gegeben, einer Chorvereinigung. Auch das „Deutsche Requiem“ hat Brahms als frei zusammengestellte Trostmusik verstanden. Es hat nichts zu tun mit dem liturgischen Requiem, wie es das Tridentinische Konzil gegen 1570 festgelegt hat.

Die Motette, eine der ältesten Formen der Abendländischen Musik überhaupt, hat ebenfalls auf die Schwerpunktverlagerung reagiert: Zahlreiche Werke der Motettenproduktion nach 1800 hätte Johann Sebastian Bach als einfachen Choralsatz angesehen. Daneben entstehen allerdings auch komplexere Werke innerhalb der Gattung. Die drei Motetten Max Regers aus op. 110 sind in leistungsfähigeren Kantoreien relativ bekannt. Deutlich unbekannter ist die exquisite, ebenfalls nicht ganz einfach auszuführende Chormusik Arnold Mendelssohns.

Arnold Mendelssohn, Wahl-Darmstätter, war Komponist, Pädagoge und eigenwilliger Denker von ausnehmend großem geistigen Horizont. Geboren wurde er am zweiten Weihnachtstag des Jahres 1855 in Ratibor/Schlesien als Sohn eines Vetters des viel bekannter gewordenen Felix Mendelssohn Bartholdy. Früher Klavierunterricht. Den Versuch eines Jurastudiums brach er bereits im ersten Semester wieder ab, um sich stattdessen in Berlin im Studienfach Kirchenmusik einzuschreiben.

Nach seinem Abschluss im Jahr 1878 folgte eine Kirchenmusikerstelle nebst Lehrauftrag an der Universität in Bonn. Weitere Stationen waren Bielefeld und Köln, bevor er 1890 die neugeschaffene Stelle des Kirchenmusikmeisters in Darmstadt annahm. Es wurde seine Lebensstelle, in der er die nächsten 43 Jahre, bis zu seinem Tod im Jahre 1933, verblieb. 1906 machte Mendelssohn die Bekanntschaft mit dem damals jungen Thomaskantor und Reger-Freund Karl Straube. Straube wurde zum Auslöser für die Entstehung von Chorwerken Mendelssohns. Eine Reihe von Werken entstanden direkt für die Thomaner in Leipzig.

Auch in Darmstadt selbst hatte Mendelssohn eine blühende Chorlandschaft. Entsprechend aufwendig sind die Motetten aus seiner Feder. Eine Vater-Unser-Vertonung ist bspw. für drei Chöre in zwölf Stimmen geschrieben. Aber auch seine Sammlung op. 90, aus der die Wesselinger Kantorei aktuell probt, enthält tiefe Chormusik. Der „Passionsgesang“ ist eine Motette über Texte aus den „Meditationes“ des Heiligen Augustinus, gesetzt für vier bis, stellenweise, sieben Stimmen.

Mendelssohns Setzweise kommt vom kontrapunktischen Denken her. Tatsächlich hatte er am Hoch’schen Konservatorium in Frankfurt/Main einen Lehrstuhl für Fuge und Kontrapunkt. In dieser Position wurde er u.a. zum Lehrer für den jungen Paul Hindemith.

1933 erlag Arnold Mendelssohn einem Herzinfarkt. Er starb als geachtete Persönlichkeit, sein Tod wurde auch im europäischen Ausland wahrgenommen. Innerhalb einer säkularisierten Umgebung gelang es Mendelssohn, die Kirchenmusik auf einem hohen künstlerischen Niveau zu halten und sie, eben als sakrale Musik, dennoch über den Rand der sonst üblichen reinen Gebrauchsmusiken vieler Zeitgenossen zu erheben. Musik als Kunstform, als Vehikel individuellen Ausdrucks, ist im 19. Jahrhundert in der Kirche nicht mehr zu finden. Ein Brahms ist Anfragen aus kirchennahen Kreisen kaum nachgekommen – und wenn er geistliche Musik schreibt, schreibt er sie, wie so viele, nicht für die Kirche.

Das ist bei Arnold Mendelssohn anders. Seine Motetten passen in liturgische Kontexte und sind dennoch kunstvoll gearbeitet. Wer sich auf die Suche macht, wird einiges entdecken können.

Thomas Jung

Quelle des Faksimiles (Staatsbibliothek, Berlin)
Quelle des Mendelssohn-Manuskripts im Beitrag…